30-jährige Städtepartnerschaft

Städtefreundschaft seit 30 Jahren zwischen Isle und Gunzenhausen

GUNZENHAUSEN - Die Feier der 30-jährigen Städtepartnerschaft von Gunzenhausen mit dem französischen Isle nur wenige Wochen nach der Europawahl war für Bürgermeister Karl-Heinz Fitz eine gute Gelegenheit, um an die Menschen in beiden Städten zu appellieren, beim Bau des europäischen Hauses nicht nachzulassen: „Wir sollten gerade jetzt nicht nachlassen, wo Europaskeptiker und Europakritiker ins Parlament eingezogen sind.“

Mit mehr als 150 Gästen waren die Franzosen angerückt, um für drei Tage in der Partnerstadt und der Partner-region des Limousin zu sein. Mit im „Gepäck“ hatten sie das „Avenir Musical du Limousin“, eine Instrumentalgruppe unter der Leitung von Eric Chaupitre, die am Pfingstsonntag beim Festakt in der Stadthalle frenetischen Beifall ernten durfte. Die Fanfarenbläser der Jugendkapelle und der Posaunenchor wirkten ebenfalls mit und intonierten am Ende neben den beiden Nationalhymnen auch die Europa­hymne.

Viel Lob gab es für Ingrid Pappler, die Vorsitzende des Freundeskreises Isle, aber auch für ihre französische Kollegin Colette Truchassou. Beide hatte im engen Schulterschluss das Fest der Jumelage vorbereitet. Gäste waren neben „Mister Europa“ Dr. Ingo Friedrich die früheren Bürgermeister Gerhard Trautner und Joachim Federschmidt sowie Bezirksrat Wolfgang Hofmann (Schillingsfürst), der für Regionalpartnerschaften zuständig ist, sowie Sylvie Feja, die Partnerschaftsreferentin des Bezirks. Willi Hilpert und Robert Laucournet, die beiden Bürgermeister, unterzeich- neten 1985 die Partnschaftsurkunde. Beide haben die Missionen von Charles de Gaulle und Konrad Adenauer verwirklicht. „Damals war das Misstrauen zwischen beiden Länden keinesfalls vollständig ausgeräumt“, sagte Rathauschef Karl-Heinz Fitz. Er vertrat den Standpunkt, die Völkerverständigung könne nicht von der Politik erzwungen werden. Die Menschen in Isle und Gunzenhausen hätten sie in 30 Jahren erarbeitet durch viele Begegnungen, Schüler- und Studentenaustausche, denn: „Verstehen bewirkt gegenseitigen Respekt.“ Der Wunsch des Bürgermeisters, der sich dem Anlass würdig mit der Amtskette dekoriert hatte: „Es lebe Europa, es lebe die Freundschaft zwischen unseren Städten!“

Versöhnt mit der Vergangenheit

Stolz auf die Arbeit, die auf beiden Seiten geleistet wurde, zeigte sich Gilles Begout, der Bürgermeister von Isle. Er erinnerte daran, dass die Europäische Union vor zwei Jahren den Friedensnobelpreis bekommen habe und im letzten Jahr die beiden Präsidenten Joachim Gauck und Francois Hollande Oradour-sur-Glane, den „Ort des Martyriums“, besucht hätten. Am 10. Juni habe sich das Massaker deutscher Soldaten an der zivilen Bevölkerung zum 70. Mal gejährt. „Versöhnt mit dieser Vergangenheit können wir mutig die Zukunft vorbereiten“, sagte der Conseiller General des Departements Haute-Vienne. Die Institution Europa erscheine vielen Menschen in Frankreich als zu komplex und zu starr, aber wenn sie in den Genuss von Strukturfonds kämen, dann verstünden sie Europa besser. Gilles Begout unmissverständlich: „Die Erwähnung von Geld öffnet manchmal den Verstand.“ Wie er sagte, hätten bisher 4200 Jugendliche am Austausch der beiden Regionen teilgenommen, 180 hätten in Betrieben und Behörden praktiziert. Begout trat dafür ein, den Austausch unter den Grundschülern zu beleben. Das Limousin sei eine „alternde Region“, zugleich gebe es aber eine Art „Entwicklungslabor“ in Sachen Haustechnik.

Kirchweih hat Eindruck gemacht

Die Partnerschaft habe nach Ansicht von Colette Truchassou, der Vorsitzenden des Partnerschaftskomitees, den starken Willen, sich gegenseitig zu entdecken und die Werte Frieden, Respekt, Gerechtigkeit und Freiheit miteinander zu teilen. Sie sprach von einer „Perlenhochzeit“. Die Perlen, also die 30 Jahre der Verbundenheit, bildeten eine schöne Kette dank des widerstandsfähigen Fadens, der sie zusammenhalte. Mit der Freundschaft Gunzenhausen–Isle verhalte es sich genauso. Madame Colette jedenfalls hat ihre stärksten Eindrücke von Gunzenhausen auf der Kirchweih gewonnen.

„Der Mensch sieht nur mit dem Herzen gut; das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar!“ Antoine de Saint-Exupery schreibt das in seinem Buch „Der kleine Prinz“. Und Ingrid Pappler, die Vorsitzende des Gunzenhäuser Freundeskreises, griff in ihrer Rede diesen Gedanken auf, um festzustellen: „Eine Freundschaft wie diese kann nicht politisch verordnet werden, sie lebt in unzähligen zwischenmenschlichen Begegnungen.“ Sie überreichte den Gästen das neue „Apfelkochbuch“, das 24 Rezepte aus beiden Städten enthält. Die Texte sind selbstverständlich zweisprachig. Für die Unterstützung aus dem Rathaus dankte sie insbesondere Astrid Stieglitz und Mirjam Eischer. Mit den Worten des Schriftstellers Ernst Zacharias will sie an die künftigen Aufgaben herangehen: „Freundschaft ist nicht nur ein Geschenk, sondern auch eine dauernde Aufgabe.“

Mit Leidenschaft und Humor

Gewohnt temperamentvoll gab sich Dr. Ingo Friedrich, der seine Rede mit französischen Einsprengseln versah und für seinen sympathischen Auftritt wiederholt spontanen Beifall erntete. Er meinte humorvoll, etwas lässiger zu leben, das gelte inzwischen auch für Deutsche, andererseits seien die Franzosen ein bisschen deutscher geworden und arbeiteten mehr als früher. Der langjährige Vizepräsident des EU-Parlaments erinnerte an einen Ausspruch seines Mentors Otto von Habsburg: „Nur ein guter Deutscher kann ein guter Europäer sein.“ Er ging in seiner Rede auf persönliche Empfindungen ein und rühmte die beiden Gründungsbürgermeister Robert Laucournet und Willi Hilpert, dessen Witwe am Festakt neben Anneliese Lechner, der Frau des verstorbenen Landtagsvizepräsidenten, teilnahm.

Dr. Friedrichs klare Botschaft: „Frieden rentiert sich, es gibt eine Friedensdividende, die allen nützt. Aber Frieden muss konkret erarbeitet werden, er fällt nicht vom Himmel.“ Die Partnerschaft Gunzenhausen-Isle sei der Beweis dafür, dass eine bessere Welt möglich sei. „Wenn Deutsche und Franzosen zusammenhalten, dann haben wir eine große europäische Zukunft“, sagte der leidenschaftliche Europäer.

Mit ihren Unterschriften bekräftigten die beiden Bürgermeister die Städtefreundschaft. Beide Seiten tauschten am Ende des Festakts kleine Geschenke aus.

 

(mit freundlicher Genehmigung des © ALTMÜHL-BOTE, GUNZENHAUSEN)

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